Von der Idee zum Bild

Oliver Czarnetta im Interview mit Esther Niebel

Esther Niebel: SCHNAPPSCHUSS ist deine dritte Einzelausstellung hier in der Galerie. Im Vergleich zu den Titeln DER DRITTE MENSCH und LETHE, die auf poetische Weise auf mythologische Themen verweisen, mutet dein aktueller Titel hart, fast brutal an. Was ist passiert?

Oliver Czarnetta: Auch in diesem Wort steckt in seiner Doppeldeutigkeit die Möglichkeit zur Poesie, weist es doch über sich selbst hinaus. Es ist also nichts passiert, es ist nur ein knapper Titel, dessen Kürze einen Bezug zur Ausstellungsthematik hat. Es geht ja um Prozess und Geschwindigkeit, und der Titel hat etwas sehr gegenwärtiges. Darüber hinaus hat der Begriff den Aspekt inne, um den es mir geht, nämlich die Zeit, die auch bei den vorherigen Ausstellungen immer eine große Rolle gespielt hat.

Am Ende des Denkens, Aufl. 3/7, Höhe 19 cm, Bronze, 2019

In deinen Arbeiten geht es häufig um die Veranschaulichung von Prozessualität, weshalb du gegossenen Beton oder Kunstharz als Arbeitsmaterial sehr schätzt. Spielt Zeit auch in dieser Ausstellung eine zentrale Rolle?

Ja, es geht um die hochaktuelle Thematik Zeit. Meiner Meinung nach wirkt die Art und Weise, wie wir Zeit verstehen und mit ihr umgehen auf uns zurück: die Fragmentarisierung der Zeit in kleinste Einheiten fragmentarisiert auch unser Ich und unsere Lebenszeit. Zeit ist eine Haupt-Handelsware des Kapitalismus. Die Perfektionierung der Zeitmessung synchronisiert uns zunehmend zum guten wie zum schlechten. Das Thema ist also groß genug für eine weitere Ausstellung.

SCHNAPPSCHUSS weist zum einen auf ein sorgfältiges Zielen, zum anderen auf eine spontan ausgeführte Tat hin. Was steht im Vordergrund?

Die Sehnsüchte greifen in die Zukunft, 18,5 x 12,5 x 13,5 cm, Harz, 2019

Die Frage ist ein wenig wie die Frage ‚Was magst Du lieber, Bremse oder Gaspedal.‘ Alles zu seiner Zeit, beides hat je nach Situation Berechtigung. Beim Tischtennis ist das lange Zielen kaum möglich, dennoch sind das ja keine ungezielten Schläge. Spontaneität oder Sorgfalt, in beiden Fällen heißt es, den richtigen Augenblick zu erkennen, gutes timing.

Mit deinen Arbeiten über das Gehirn stellst du zum ersten Mal das zentrale Organ des Menschen entblößt dar, in Bronze aber auch in rosa eingefärbten Kunstharz. Wie kommst du auf das Sujet und auf diese Art der Darstellung?

Das Gehirn ist das Organ, welches Langeweile hervorbringt und die ist in Ihrer Verbundenheit zur Zeit ebenso Thema für mich in dieser Ausstellung. In 4 Schritten zerfließende Gehirne sind für mich eine annehmbare Analogie auf die Langeweile. Kehre ich die Reihenfolge um, kann ich erkennen, wie aus Langeweile etwas Schöpferisches hervorgeht, und wir sie dann Muße nennen.

Langeweile in 4 Phasen, 10,5 x 9,5 cm, Harz,2019

Vor allem die Arbeit LANGEWEILE IN 4 PHASEN erinnert nicht nur an einen Seziertisch, sondern auch an Frankenstein. Bist du Prometheus?

Die beiden Gehirn-Sequenzen sind inhaltlich leicht unterschiedliche Kunstwerke mit ähnlicher äußerer Form. Ganz unpathetisch sehe ich den Künstler im Allgemeinen die Tätigkeiten oben genannter vollbringen: auseinandernehmen und zusammensetzen, innere Regung und Welt teilen.

Day Passes bye Like Sunsets (Leipziger Schule), 50 x 10 x 15 cm, mixed media, 2019

Eine neue Arbeit in der Ausstellung heißt DAY PASSES LIKE SUN SETS. Von den Materialien und dem was sie darstellt fällt sie aus deinem übrigen Oeuvre heraus. Wie kam es zu dieser Arbeit und was verbindet sie mit deinem Werk?

Day passes like sun sets (Der Tag vergeht, wie die Sonne untergeht) ist ein Schubkasten: der Protagonist bewegt sich nicht von der Stelle, der Schubkas- ten im Hintergrund schiebt sich hinter ihm vorbei. Das ist das Modell einer Sicht auf die Zeit, in der wir passiv in einem Fluß stehend die Zeit um uns her- um fließen sehen. Ich meine hingegen, dass wir eher als ein zeitschöpfender Prozess zu verstehen sind: nicht die Zeit vergeht, sondern wir vergehen. Und genauso wenig geht die Sonne auf oder unter, sondern die Erde dreht sich im Verhältnis zu ihr. In meinem Werkstattregalen fallen die Schubkästen nicht auf, modellhafte Bauten und Spielzeugwelten habe ich ja durchaus früher schon gemacht. In dieser Ausstellung sind tatsächlich weniger Stücke mit offensichtlich ‚spielerischen‘ Materialien gezeigt, aber viele Stücke haben die gleiche spielerische Herangehensweise.