von der Idee zum Bild: CONSTRUCTION

Jörg Ernert im Interview mit Esther Niebel

Esther Niebel: Welche Bedeutung haben Räume für deine Bilder?

Jörg Ernert: Die Faszination mit Malerei eine Raumwirkung zu erzeugen und gleichzeitig ein Bewusstsein für die Farbflächen aufzubauen, ist ständiges Thema und ein unerschöpfliches Arbeitsfeld. Ein regelmäßiges Aufsuchen von Hallen oder Bühnenräumen liegt meiner Arbeit zu Grunde. Das zeichnerische Erfassen von Innenräumen ist vielleicht eine Strategie, um sich bewusst auf einen Ort zu beschränken. Das gewählte Sujet bildet den Rahmen, in dem ein konzentriertes Arbeiten möglich ist und gleichzeitig immer wieder neue Impulse auf mich einströmen können. Ich besuche die Räume, erlebe dort etwas und lass mich von der vorgefundenen Energie mitreisen. Aus diese Erfahrungen heraus erschaffe ich meine eigenen Farbräume.

Rückwand, 60 x 40 cm, Acryl auf Leinwand, 2016

Ich besuche die Räume, erlebe dort etwas und lass mich von der vorgefundenen Energie mitreisen. Aus diese Erfahrungen heraus erschaffe ich meine eigenen Farbräume.

Jörg Ernert

Neben deiner Nachbilder-Serie hat man den Eindruck, dass du dich bei deiner „freien Motivwahl“ vorzüglich mit extrem großen Räumen, wie der Kletterhalle oder eben in der aktuellen Serie mit der Oper Leipzig beschäftigst. Was reizt dich daran?

Ich habe einfach mehr Bewegungsfreiheit in großen Räumen, kann ungestörter Beobachten, mich zurückziehen. Dort begegnen mir meist verrückte Einsichten oder Ausblicke, von verschiedenen Ebenen aus lassen sich ungewöhnliche Perspektiven finden. Auch das Licht verhält sich in gewaltig hohen Räumen anders, vielleicht geheimnisvoller – früher waren es die gewaltigen Tempel, großen Kirchen, Bauwerke, in denen sich der Mensch seiner Größe bewusst werden konnte, um dem Überirdischen etwas näher zu rücken. Heute sind es große Produktions-, Verkaufs-, Sport- und Kulturstätten, die ähnliche Gefühle suggerieren können.

Jörg Ernert und Benjamin Sabatier, Ausstellungsansicht, The Grass is Greener, Leipzig, 2019

Welche Bedeutung haben die Menschen, die auf deinen Bildern auftauchen, für deine Bilder?

Auf meinen Vor-Ort-Studien ist meist noch viel mehr Personal abgebildet, als später in den Malereien. Oft halte ich in meinen Zeichnungen sehr belebte Momente fest. Ich denke, dass die Figur im Bild auch eine einladende Wirkung haben kann, der Betrachter sich besser mit der Raumdimension verbinden kann. Manchmal reicht aber auch eine Tür, eine Leiter, um die Größe der Architektur erfahrbar zu machen.

Van Gogh I, 60 x 80 cm, Acryl auf Leinwand, 2017

Auch das Licht verhält sich in gewaltig hohen Räumen anders, vielleicht geheimnisvoller – früher waren es die gewaltigen Tempel, großen Kirchen, Bauwerke, in denen sich der Mensch seiner Größe bewusst werden konnte, um dem Überirdischen etwas näher zu rücken.

Jörg Ernert

Vor Ort machst du laut eigener Aussage nur Skizzen. Im Atelier setzt du diese in Acryl auf Leinwand um. Neuerdings spielt auch das Aquarell eine größere Rolle in deinem Werk. Was kann Aquarell, was Acryl nicht kann?

Lichttechnik, 36 x 26 cm, Aquarell, 2017

Die Aquarelltechnik ist für kleinere Formate das perfekte Medium, um klare Entscheidungen für meine eigene „Lichtregie“ zu treffen und das Motiv in verschiedene Farbstimmungen zu tauchen. Auf den größeren Leinwänden beginne ich dann meist auch mit Acryl sehr lasierend zu arbeiten, ähnlich wie wenn ich ein Aquarell aufbauen würde. Radikale Veränderungen während des Malprozesses vorzunehmen, sind mir dann nur mit Deckfarbe möglich.